„Wie kann man nur so bekloppt sein, ein großes Stück Stoff zu zerschneiden und die vielen kleinen Teile wieder zu einem großen Teil zusammenzunähen???“ – Diesen Satz haben wir „Quilterinnen“ sicher schon mehr als einmal gehört. IGNORANTEN!

Was wir zunächst machen ist nicht „quilten“, sondern wir machen Patchwork. Stückwerk. Flickwerk. Klingt natürlich ganz anders…

Wir sitzen allein oder in Gesellschaft anderer Frauen (meist Frauen – in meinen zahlreichen Patchworkkursen waren innerhalb von 15 Jahren ganze zwei Männer), schneiden besagte Stoffe in kleinere Stücke, und nähen diese kleineren Stücke wieder zusammen. So weit. So gut. Und wenn aus diesen vielen kleinen Stücken wieder ein großes Stück geworden ist, dann ist es immer noch kein Quilt. Diesen Namen darf das Stück erst tragen, wenn es zusammen mit Einlage (Vlies) und Rückwandstoff gequiltet ist. Gequiltet wurde früher IMMER von Hand, mit tausenden von kleinen und kleinsten, gleichmäßigen Vorstichen. Man glaubt nicht, wie Fingerspitzen aussehen können! Heute quiltet man auch mit der Nähmaschine oder mit der sogenannten Longarm-Quiltmaschine. Das ist wirklich ein großes Gerät, das ein halbes Zimmer füllt. Gequiltet werden meist traditionelle Muster, aufwendig oder weniger aufwendig. Und das dauert………….. Leider kennt jede Quilterin UfO´s. UnFertige Objekte, die einen immer wieder daran mahnen, nicht schon wieder ein neues Teil anzufangen, bevor dieses Ufo nicht ganz fertig ist. Die meisten von uns brauchen etwas Druck, einen Termin, - und seltsamerweise klappt es dann auch.

Aber zunächst die Patchworkarbeit: man sucht sich ein Muster nach einer Vorlage, oder man entwirft selbst einen Quilt. Man rechnet aus, wie viel Stoff man braucht, welche Farben, welche Beschaffenheit (am besten 100 % Baumwolle). Am besten ist es, die Stoffe vor der Verarbeitung zu waschen, damit sie hinterher im fertigen Teil nicht ausbluten. Mir ist das einmal passiert, als ich einen Block mit Applikationen von Hand genäht hatte. Natürlich ist mir Kaffee drauf getropft. Natürlich wollte ich das auswaschen. Und der blaue Stoff färbte auf den beigen Hintergrund – und das ging nun wirklich nicht mehr raus. Seitdem….

Nun werden die Stoffe gebügelt, und heutzutage bequem und rationell mit Rollschneider und Lineal in die entsprechenden Teile geschnitten. Für meinen ersten Quilt habe ich noch alle Teile mit Bleistift auf der Stoffrückseite vorgezeichnet und mit der Schere ausgeschnitten. Wie gut geht es uns heute!

Diese zugeschnittenen Teile werden dem Plan entsprechend zusammengenäht. Und das gute Stück wächst und wächst. Bei Stücken wie meinem Quilt „I love Vermont“ kann das dann schon mal Jahre dauern. Ehrlich. „Man“ hat ja auch noch andere Tätigkeiten, die einen vom Hobby abhalten.

Und wenn dann das Top fertig ist, wieder bügeln. Mir hat eine Kursleiterin mal gesagt, „das ist das letzte Mal, dass dieses Teil gebügelt wird“. So halte ich es auch!

Nun hat man sich wohl zwischenzeitlich auch schon Gedanken darüber gemacht, was für einen Stoff (Beschaffenheit, Farbe und Muster) man als Rückwand haben möchte. Und welche Füllung (Baumwollvlies, Molton, Polyestervlies, australisches Wollvlies, dick oder dünn…) man verwenden möchte.

Diese drei Teile des „Sandwich“ legt man nun aus: Rückwand, darauf das Vlies, darauf das Patchwork-Top. Die meisten von uns, zumindest die meisten Hobbyleute, machen das auf dem Fußboden. Man kann die Knie mit Fliesenleger-Polstern schützen. Aber das fällt einem meist erst ein, wenn man die ersten Stunden auf den Knien verbracht hat. Die Rückwand sollte rundum etwas größer sein als das Vlies, und das Vlies sollte rundum ein bisschen größer sein als das Top. Beim Quilten schrumpft das Teil nämlich ein kleines bisschen. Und nichts ist blöder, als wenn dann ein Teil der Rückwand zu kurz ist. Es handelt sich meist nur um zwei oder drei Zentimeter, aber das ist echt ärgerlich.

Nun also alles schön glatt streichen, und dann wird geheftet. Die Lagen sollen ja nicht mehr verrutschen beim Quilten. Und beim Quilten wird das Sandwich sehr beansprucht. Also: nicht oberflächlich und schlampig heften! Möglichst eng, so alle 10 bis 15 cm sollte eine Heftnaht sein. Knie und Rücken tun heftig weh, aber die spätere Arbeit wird damit erleichtert. Nach den ersten paar Quilts findet man vielleicht einen großen Tisch oder jemanden, der einen großen Tisch hat. Ich war sehr dankbar während meiner Arbeit in der Volkshochschule. Da konnte ich sonntags oder abends in kursleere Räume, drei Tische zusammenschieben, und das war wirklich bequem!

Und dann wird gequiltet. Was brauche ich dazu?

Quiltgarn natürlich. Das ist besonders festes Garn, das es in allen möglichen Farben und von vielen verschiedenen Firmen gibt. Quiltgarn. Es heißt, Quiltgarn würde nicht reißen. So richtig stimmt das nicht. Ich hatte schon welches, das sich während der Arbeit aufribbelte, und das ist absolut ärgerlich. Weil man sich dabei ja schon vorstellen kann, dass diese Naht niemals lang halten kann.

Dann braucht man Quiltnadeln. Mit einer normalen Nähnadel wird das nichts. Quiltnadeln gibt es in unterschiedlichen Stärken, angefangen habe ich mit der Stärke 9 – und dann arbeitet man sich hoch bis zu 12. 12 heißt, viel feiner und viel kleiner als 9, und das Öhr wird so klein, dass es kaum mehr sichtbar ist. Geschweige denn einfädelbar. Und die Augen werden im Alter ja auch nicht besser! Aber es ist herrlich, dieses Erfolgserlebnis, wenn es schon beim ersten Mal klappt!

Und dann braucht man einen Rahmen. Auch das noch! Ich habe mich lange dagegen gewehrt, habe wirklich die ersten 15 Jahre ohne Rahmen gequiltet. Bis ich einen Handquiltkurs gemacht habe, und dabei einiges gelernt habe. Seitdem habe ich einen Rahmen (ich benutze ihn aber immer noch nicht so gern, seltsam!).

Was ich erst nach 20 Jahren begriffen habe: man braucht zwingend und dringend einen Fingerhut! Teilweise hatte ich die Nadel in der Fingerspitze stecken, aber die Seite vom Öhr, nicht die Spitze! Alles offen, alles blutig, und das „normale Leben“ geht ja auch noch weiter… Also: Fingerhut.

Nun wird das Quiltmuster auf den Stoff aufgezeichnet, am besten natürlich mit einem Stift, der nachher garantiert auch wieder rausgeht. Und mit einem Stift, der nicht „Zauberstift“ heißt und von selbst verblasst, aber so schnell, dass man mit der Arbeit gar nicht nachkommt. Die Arbeit wird locker in den Rahmen eingespannt (nicht wie beim Sticken) und dann geht’s los. Ans Ende des eingefädelten Fadens macht man einen Knoten, und diesen zieht man in die Füllung, so dass er verschwindet und gesichert ist. Als Lehrerin fürs Handquilten kann ich Andrea Stracke wärmstens empfehlen. Ich bin in dieser Beziehung keine gute Lehrerin. Die Stiche sollten einigermaßen gleichmäßg sein, man rechnet 4 bis 5 Stiche auf der Strecke von einem Inch. Ein Inch sind 2,54 cm.

Am Ende der Quiltnaht, oder wenn der Faden zu Ende geht, muß die Naht gesichert werden. Man knotet einen kleinen Knoten ans Ende, das heißt dort, wo der Faden aus dem Stoff kommt. Und zieht diesen Knoten dann in die Füllung, wie am Anfang. So mache ich es. Man kann den Faden aber auch unter dem Oberstoff im Vlies verweben. Auf jeden Fall müssen immer alle drei Lagen (Top, Füllung und Rückseite) mit dem Quiltstich erwischt werden.

Ist all das vollbracht, dann ist der Quilt ein Quilt und fast fertig. Die Ränder werden zurechtgeschnitten und eingefasst, ich mache das sehr gerne von Hand, weil es wirklich das letzte ist, und dann ist das Teil fertig!

Und nur ein gequilteter Quilt ist lebendig. Ich habe mal zwei identische Tops genäht, eines habe ich gequiltet, eines nicht. Für mich war das ungequiltete leblos – und ich habe es auch schnell abgegeben.

Also – das klingt alles mühsam und nach viel Arbeit. Es IST viel Arbeit! Aber es macht unheimlich viel Spaß!

Man kann es auch anders sagen, wie Marie Bostwick in ihrem Buch „Die Fäden des Schicksals: ". …Ich liebe Quilts, ihre geometrischen Muster mit den unendlichen Kombinationsmöglichkeiten, die sich durch die unterschiedliche Anordnung von simplen Linien ergeben. Die Ordnung und Präzision des Quiltens sprechen die Seite in mir an, die dem Chaos des Lebens entfliehen will, wogegen die unbegrenzten Möglichkeiten der Farben, Stoffe und Muster meinem Verlangen nach einem Leben in Fülle entsprechen. Das Herrlichste am Quilten ist die Tatsache, dass ein ganzes Stadion voller Menschen ein und dasselbe Muster verwenden könnte, und doch kämen am Ende keine zwei völlig gleichen Quilts heraus… Ob mit Bedacht oder unabsichtlich – immer enthüllt ein Quilt ein Stückchen Wahrheit…..

Eine der ersten Weisheiten, die eine Anfängerin über das Quilten lernt, ist, dass die Amishen, deren schlicht gemusterte Quilts zu den kunstvollsten der Welt gehören, stets einen Fehler in ihre Werke einbauen, da sie der Meinung sind, menschliches Streben nach Vollkommenheit sei eine Beleidigung Gottes. Selbstverständlich wissen die meisten Quilterinnen, dass man sich keine Mühe zu geben braucht, um die Arbeit unvollkommen zu machen, denn das wird sie von ganz allein. ….

… und vielleicht gibt es auch Menschen, die nicht einsehen, warum man einen Quilt mühsam von Hand nähen sollte, wenn es mit der Maschine doch so viel schneller geht oder man ihn gleich fix und fertig für 59,95 Euro beim Discounter kaufen kann. Schließlich bezahlt man allein für den Stoff mehr. Vielleicht können manche Menschen einfach nicht begreifen, welche Schönheit und Erhabenheit im Unvollkommenen liegt. Aber ich möchte wetten, die Amishen verstehen es… weil sie wissen, dass der Weg zur Vollkommenheit über Tradition und Beständigkeit führt…."